Pfarrer
Rudolf Waron

 

Können Sie sich vorstellen......

... ist wohl die häufigste Frage, die man hört, wenn man „neu“ ist. Und neu sein, heißt meistens, dass man zunächst fremd ist. Und dass der bzw. die Fragende Interesse an mir hat. Das tut gut und gerne erzähle ich "meine" Geschichte; manchmal recht kurz, manchmal etwas ausführlicher:

Dass ich gebürtiger Hartberger bin, viele Jahre in Wien gelebt habe, um zu studieren und dabei als EDV-Techniker gearbeitet habe. Dass ich gerne Musik höre und mitunter auch mache, dazu die Begeisterung für Literatur und gesellschaftliche Anliegen. Dass ich einen Bruder und eine Schwester habe und natürlich von meiner Familie, meiner Frau Sylvia, die ihre Heimatstadt Kapfenberg verlassen hat, um mit mir und unseren beiden Kindern Henriette und Julius neu anzufangen. Dabei war und ist auch unsere Vorstellungskraft herausgefordert.

Wie wird es werden so weit im Westen? Sicher, ich habe einen erfüllenden Beruf, aber findet meine Frau auch eine gute Stelle, die ihren Begabungen und Interessen entspricht? Und die Kinder? Sicher, sie tun sich leicht mit neuen Erfahrungen, weil sie so jung noch gut geübt sind darin, sich einzustellen auf Neues und Fremdes. Es bleibt aber noch vieles offen, was mich und meine Familie neugierig macht und gespannt. Möge es mit Gottes Hilfe gelingen!

... frage ich selbst gerne. Dann, wenn ich in der Seelsorge Menschen begegne, die an ihrer mangelnden Vorstellungskraft leiden. Die einen eingeschränkten Blick haben, nur die Sorgen sehen, die Schulden, die Krankheit. Wie schön ist es, wenn Menschen mehr sehen können und wenn wir in den Menschen mehr sehen dürfen. Manchmal reicht ein kleiner Anstoß und Menschen kommen in Bewegung: Stellen Sie sich Ihre Welt vor, über das Leid und die Defizite hinaus! Mein Zugang zum Glauben ist ein recht einfacher: Glauben heißt, darauf zu vertrauen, dass wir weiter sehen können, als wir es gerade tun. Und damit meine ich auch uns selbst (vgl. 1. Kor 13,12).

 

…, dass es uns gelingt, uns und andere zu bewegen, weiter zu sehen und zu denken? Das frage ich Sie hier an dieser Stelle/Seite. Wie gelingt es uns als christliche Gemeinde, selbst weit zu sehen und zu denken? Und wie weit kann es gelingen, andere Menschen zu bewegen? Weiter als viel zu eng gefasste Nächstenliebe, weiter als nur die eigenen Taschen, die eigenen Vorteile. Dann können ganz Fremde zu unseren Nächsten werden – Nächstenliebe inklusive. Dann haben wir mehr für die Benachteiligten, als nur das, was übrig bleibt. Dann sind wir auf dem Weg zu einer gerechten und solidarischen Gesellschaft einen Schritt weiter. Glauben bedeutet für mich auch, dass er im Leben Gestalt annehmen muss.

Als „der Neue“ hier in Salzburg will ich meinen Beitrag leisten, die Vorstellungskraft zu fördern. Nicht nur bei Menschen, die augenscheinlich unter Beschränkungen leiden. Das sind zum einen jene, die beschränkt, „behindert“ werden unter vielen Gesichtspunkten, vor allem seelisch und sozial. Zum anderen gilt es Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer – meinen, andere beschränken zu dürfen oder gar zu müssen, erkennen zu lassen, dass wir alle der Vorstellungskraft Gottes entsprungen sind und es keinen Unterschied gibt zwischen drinnen und draußen, zwischen hier und da, der uns berechtigt, uns über andere zu stellen. Dabei will ich behutsam sein, aber auch deutlich. Die bisherigen Stationen meiner Dienstzeit in der Kirche will ich als Erfahrungsschatz mitnehmen. Dazu gehört zunächst sicher all das, was gelungen ist und sich bewähren durfte. Aber auch das, was erlösungsbedürftig ist und offen geblieben ist, will ich als Erfahrungsraum nutzen. Und beides, das Gelingen und das Scheitern wird mir und Ihnen auch in Salzburg begegnen. Allein, wie wir damit umgehen - darin wird sich zeigen, ob Gott mit seinem Segen am Werk ist.

Wenn wir uns gemeinsam dafür den Raum geben, der dafür notwendig ist, dann können wir in eine gute Bewegung kommen und ins Schwingen geraten, ganz so, dass wir Resonanzraum sein dürfen, für den uns liebenden Gott.

Ist das nicht eine schöne Vorstellung?

Herzlichst,

Ihr Pfr. Rudolf Waron

 

Ab 1. September 2021 erreichen Sie mich wie folgt: 0699/188 77 560 oder r.waron@matthaeuskirche.at